Episoda

In einer Ecke des Indian Museum in Kalkutta wartet eine alte Weltkugel auf ihre Wiederentdeckung. (3/2012)

Seit 2000, verstärkt seit 2011 arbeite ich systematisch an einer Sammlung von Reisegeschichten oder vielmehr Reisefeuilletons, denen ich den Namen Episoda gegeben habe (mehr zum Begriff weiter unten). Diese Episoda bestehen aus Fotografien und Texten, die eng miteinander verbunden sind. Man kann auch von Standortberichten sprechen, denn ihre Eigenart ist es, dass sie an einem präzisen Standpunkt (quasi auf einem Quadratmeter Erde) geschrieben werden und vorrangig davon handeln, was ich von diesem Ort aus wahrnehmen kann. Auch das erste Foto einer jeden Episoda ist von diesem Quadratmeter aus aufgenommen, die übrigen Bilder stammen aus der unmittelbaren Umgebung. Die Texte sind gewöhnlich zwischen 1000 und 20‘000 Zeichen lang und werden von wenigstens zwei Bildern begleitet.

Nach Art der Kuh | Es geht mir bei diesen Episoda um ein Verharren, manchmal auch Ausharren, um Stillstand statt Fortschritt. Nicht die Reise ist das Ziel, sondern der Unterbruch der Reisebewegung. Man könnte auch von einem Unterwegssein nach Art der Kuh sprechen. Lasse ich mich doch wie eine Kuh an diesem oder jenem Ort nieder und betrachte die Welt um mich herum – manchmal durchaus wiederkäuend, was ich vorher in mich aufgenommen habe. Deswegen habe ich als Logo dieser Reihe auch die Silhouette einer liegenden Kuh gewählt.

Wenngleich das Schreiben bei dem Projekt eine zentrale Rolle spielt, ist das konzeptuelle Vorgehen doch ein künstlerisches. Es geht darum, sich auf besondere Art ein Bild dieser Welt zu machen – nicht durch Spazieren, wie das sonst geschieht, sondern durch den Akt des Stehenbleibens und Abwartens, was passiert. Ich wähle die Standpunkte nicht nach kulturellen (oder touristischen) Kriterien aus, denn mir sind bei diesem Projekt die unterschiedlichsten Flecken auf diesem Planeten sehenswürdig, auch Orte ohne Glanz und Geschichte. Manchmal selektioniere ich die Standpunkte nach bestimmten Spielregeln (das Ende von Straßenbahn Nr. 11, der hundertste Schritt von der Pforte des Bahnhofs aus), manchmal ergeben sie sich zufällig, gelegentlich werden sie auch von Dritten ausgewählt.

Begriff | Das Lemusische unterscheidet zwischen Épisode und Episoda. Épisode entspricht «Episode» auf Deutsch, eine Episoda aber ist eine kleine Geschichte, die sich an einem konkreten Gegenstand entzündet. Der Begriff taucht erstmals im 17. Jahrhundert in den Miscellanea inusitata von Jacob Schychs auf, wo eine Autorin oder ein Autor namens Vitula (wahrscheinlich ein Pseudonym) Insula triginta episoda erzählt, also dreissig kurze Geschichten von der Insel.

Episoda ist allerdings auch der Name eines Erfrischungsgetränks, das von der Firma Herzog Getränke in Palmheim hergestellt wird.

Alle Episoda und alle zugehörigen Rezepte können auch über eine Weltkarte angesteuert werden. Weiße Marker führen nur zu einer Episoda, orange Marker zu einer Episoda mit zugehörigem Rezept.

Verzeichnisse | Seit 2016 werden die Episoda konsequent zu PDFs verarbeitet und sind integral über das chronologisch geordnete Verzeichnis Episoda zugänglich. Ebenso können sie über eine Weltkarte angesteuert werden. Die zugehörigen Rezepte finden sich im Verzeichnis Rezepte, das allerdings auch lemusische Rezepte und Rezepte zu den Mundstücken umfasst. Manchmal kombiniere ich Episoda und Rezepte eines Landes mit einer kleinen Einführung zu Heften, die in einem Verzeichnis Länder geordnet sind.

Indien | In den Jahren 2016–2018 bin ich mehrmals nach Indien gereist. Dabei sind 77 kürzere und längere Episoda entstanden. Eine Auswahl von 47 Texten erschien 2019 im Zürcher Rotpunktverlag als Buch: Indien im Augenblick. Vom Abenteuer einer Reise ohne Ziel (224 Seiten, 20.4 × 12.4 cm, Broschur, mit 77 Farbfotos). Um dem Verlag (und mir selbst) nicht in den Rücken zu fallen, sind diese Texte derzeit nicht online zugänglich. Man kann das Buch über den Verlag bestellen oder natürlich auch bei Amazon.

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